Cem Özdemir vor historischem Amt: Erster türkischstämmiger Ministerpräsident in Baden-Württemberg
George BenthinSein Leben in Bildern: Das ist Cem Özdemir - Cem Özdemir vor historischem Amt: Erster türkischstämmiger Ministerpräsident in Baden-Württemberg
Die Grünen haben bei der Wahl in Baden-Württemberg einen knappen Sieg errungen und die CDU mit nur einem halben Prozentpunkt Vorsprung auf den zweiten Platz verwiesen. Cem Özdemir, ein langjähriger Grünen-Politiker, steht nun kurz davor, Baden-Württembergs erster Ministerpräsident türkischer Herkunft zu werden. Sein Aufstieg markiert das jüngste Kapitel einer Karriere, die sich über drei Jahrzehnte erstreckt – von seinen Anfängen als erster Bundestagsabgeordneter mit türkischen Wurzeln bis hin zu seiner jüngsten Rolle als Bundesminister. Özdemirs politischer Weg begann 1994, als er als erster Abgeordneter türkischer Herkunft in den Deutschen Bundestag einzog. Schnell stieg er in der Partei auf und führte die Grünen ein Jahrzehnt lang gemeinsam an, bevor er 2002 von der Spitze zurücktrat. Affären um die private Nutzung von Bonusmeilen sowie ein umstrittenes Darlehen eines PR-Beraters führten zu einem vorübergehenden Rückzug aus der deutschen Politik, in dem er in den USA arbeitete. Sein Comeback gelang ihm über das Europäische Parlament (2004–2009), bevor er 2013 wieder in den Bundestag einzog. 2021 gewann er im Wahlkreis Stuttgart I mit 40 Prozent der Erststimmen ein Direktmandat. Unter Bundeskanzler Scholz amtierte er von Dezember 2021 bis Mai 2025 als Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, übernahm später nach dem Scheitern der Koalition das Bildungsressort. Seine Amtszeit war geprägt von wegweisenden Entscheidungen, etwa der Unterstützung der Ehe für alle 2017 oder der Abschaffung des §219a, der Werbung für Schwangerschaftsabbrüche verbot, im Jahr 2019. Doch auch seine kompromisslose Verteidigung des Existenzrechts Israels und unpopuläre Kürzungen von Agrarsubventionen sorgten für Kontroversen. Im Wahlkampf in Baden-Württemberg präsentierten die Grünen Özdemir als natürlichen Nachfolger von Winfried Kretschmann, dem scheidenden Ministerpräsidenten. Plakate mit dem Slogan 'Er kann das' unterstrichen seine Rolle als Aushängeschild der Partei. Das Wahlergebnis bescherte Grünen und CDU eine gleiche Anzahl an Sitzen im Landtag – die Bühne für kommende Koalitionsverhandlungen ist damit bereitet. Özdemirs Ernennung zum Ministerpräsidenten wäre ein historischer Moment für Baden-Württemberg: Erstmals würde ein Politiker türkischer Herkunft ein Bundesland regieren. Die knappe Mehrheit und das ausgeglichene Parlament machen die Koalitionsbildung in den kommenden Wochen zur entscheidenden Aufgabe. Gleichzeitig wird seine Führung die Fähigkeit der Grünen auf die Probe stellen, in einem politisch gespaltenen Baden-Württemberg regieren zu können.






