Europas Verteidigung steht vor historischem Wandel – doch Deutschland bremst aus
Hans-Werner HövelEuropas Verteidigung steht vor historischem Wandel – doch Deutschland bremst aus
Europas Verteidigungspanorama verändert sich rasant: Tiefgreifende Reformen und finanzielle Verpflichtungen prägen die militärische Zusammenarbeit neu. Seit 2025 treibt die EU ehrgeizige Pläne voran, darunter einen 150-Milliarden-Euro-Fonds für Rüstungsgüter und Debatten über eine vertiefte Integration. Nun fordern Ökonomen und Politiker weitere Veränderungen, um die Effizienz zu steigern und die Abhängigkeit von externen Partnern zu verringern.
Die EU-Verteidigungsstrategie erreichte 2025 einen Meilenstein mit der Einführung des SAFE-Fonds, einer 150-Milliarden-Initiative zur Stärkung der Rüstungsproduktion. Schnell folgten Diskussionen über eine zweite Finanzierungsrunde und den möglichen Einsatz von Eurobonds zur Finanzierung der Aufrüstung. Gleichzeitig rückte Frankreichs Nukleararsenal in den Fokus der Gespräche über einen europäischen Nuklearschirm, während Vorschläge für einen Souveränitätspakt darauf abzielten, einstimmige Beschlüsse in der Außenpolitik für willige Mitgliedstaaten zu umgehen. Bis Februar 2026 signalisierte selbst Großbritannien Interesse an einer Beteiligung am SAFE-Fonds – ein mögliches Zeichen für eine Neuausrichtung der Sicherheitsbeziehungen nach dem Brexit.
Vor diesem Hintergrund kritisiert Moritz Schularick, seit Sommer 2023 Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel), die deutsche Handhabung des Verteidigungsetats. Im Gespräch mit Business Insider monierte er, die Ausgaben seien nach wie vor ineffizient, und plädierte für eine engere Zusammenarbeit der europäischen Staaten. Seine Forderungen gehen über die Finanzierung hinaus: Er betont die Notwendigkeit modernster Militärtechnologie und struktureller Reformen, um Europas strategische Autonomie zu stärken.
Schularicks Warnungen spiegeln grundsätzliche Bedenken wider, ob der Kontinent entschlossen handeln kann. Ohne tiefgreifende Veränderungen, so seine Mahnung, drohe Europa sowohl in puncto Fähigkeiten als auch Unabhängigkeit zurückzufallen – und sich damit externen Druck ausgesetzt zu sehen.
Der Druck für eine einheitlichere europäische Sicherheitspolitik wächst, gestützt durch erhebliche Mittel und neue Initiativen. Doch Deutschlands Ausgabenpraxis und die Abhängigkeit der EU von gemeinschaftlichen Entscheidungsprozessen bleiben centrale Hürden. Gelingen die Reformen, könnte der Kontinent sicherheitspolitisch autonomer werden – vorausgesetzt, die Mitgliedstaaten einigen sich auf finanzielle wie technologische Prioritäten.