Halberstadts vergessene jüdische Geschichte: Wie die DDR Erinnerung verweigerte
George BenthinHalberstadts vergessene jüdische Geschichte: Wie die DDR Erinnerung verweigerte
Philipp Grafs neues Buch erkundet die vergessene jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR-Zeit
In „Verweigerte Erinnerung“ zeigt der Historiker, wie die antifaschistische Politik des Staates das Erbe der Stadt ignorierte – und wie das jüdische Leben dort längst vor dem verheerenden Bombenangriff von 1945 systematisch ausgelöscht wurde.
Die Zerstörung der jüdischen Gemeinde Halberstadts begann nicht erst mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Bereits 1938 wurde die Synagoge während der Novemberpogrome niedergerissen – der Auftakt zur organisierten Verfolgung. 1942 versammelten sich die letzten Juden der Stadt ein letztes Mal in der Rathaustraße 1–3, bevor sie deportiert wurden. Willy Calm, der letzte Überlebende, blieb bis 1961 der einzige offizielle Ansprechpartner der einst blühenden Gemeinde.
Nach 1945 errichtete die DDR 1949 am ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte – zunächst für die Opfer von Zwangsarbeit. Doch 1969 wurde der Ort umgestaltet: Über Massengräbern entstand eine Kulisse für politische Kundgebungen. Die unterirdischen Stollensysteme des Lagers nutzte die Nationalen Volksarmee ab den 1970er-Jahren als Militärdepot.
Jüdische Künstler:innen in der DDR sahen sich oft mit Gleichgültigkeit oder Zensur konfrontiert. Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati ließ sich 1952 in Ost-Berlin nieder und nahm drei Alben auf – doch nach dem Sechstagekrieg 1967 verschwanden ihre Lieder aus dem Staatsfunk. Nur wenige Werke wie Peter Edels „Die Bilder des Zeugen Schattmann“ oder Jurek Beckers „Jakob der Lügner“ thematisierten überhaupt jüdisches Erbe.
Graf plädiert in seinem Buch für eine Neubewertung der DDR-Geschichtsschreibung. Er warnt, dass veraltete politische Narrative bis heute rechtsextreme und linksextreme autoritäre Tendenzen befördern. Symbole des Verlusts wie das Schicksal des jüdischen Kurzwarenladens „Sternglanz“ – später zur Barbierstube „Schroders“ umfunktioniert – verdeutlichen, wie eine einst lebendige Kultur getilgt wurde.
Das Werk wirft ein Licht auf Halberstadts verdrängte Vergangenheit – von den Pogromen 1938 bis zur mangelhaften Erinnerungspolitik der DDR. Es offenbart, wie kulturelle und politische Entscheidungen jüdisches Leben jahrzehntelang unsichtbar machten. Grafs Appell für neue Perspektiven zielt darauf ab, noch immer wirksame Vorurteile in der heutigen Debatte zu hinterfragen.






