Julian Barnes eröffnet Lit.Cologne 2024 mit bewegendem Abschied und politischer Warnung
Hans-Werner HövelJulian Barnes: '1984' ist jetzt Realität - Julian Barnes eröffnet Lit.Cologne 2024 mit bewegendem Abschied und politischer Warnung
Das Lit.Cologne-Festival 2024 eröffnete mit einer eindringlichen Rede des britischen Autors Julian Barnes
Vor einem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal teilte der renommierte Schriftsteller scharfsinnige Gedanken zu globaler Politik, seinem neuesten Buch und seinem persönlichen Kampf gegen Krebs. Die Veranstaltung markierte zugleich die Vorstellung dessen, was er als sein letztes Werk bezeichnet.
Barnes begann mit Lesungen aus "Abschied(e)" – einem Buch, das er angesichts einer kürzlichen Krebserkrankung als sein finales Werk betrachtet. Das Publikum reagierte tief bewegt und verabschiedete ihn später mit stehenden Ovationen von der Bühne.
Kritisch wurde es, als er auf die Weltlage zu sprechen kam. Die heutige geopolitische Landschaft beschrieb er als zerrissen in drei paranoide, tyrannische Blöcke: China, Russland und die Vereinigten Staaten. Mit Verweis auf George Orwells "1984" argumentierte er, die dystopischen Warnungen des Romans seien längst Realität geworden. Besonders hart fiel sein Urteil über Donald Trump aus, den er als unwissend mit "der Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs" bezeichnete.
In Bezug auf Europa betonte Barnes die Dringlichkeit von Einheit. Er warnte vor Zerklüftung und mahnte die EU, angesichts globaler Instabilität standhaft zu bleiben. Seine Worte knüpften damit an die Tradition des Festivals an, Literatur mit brennenden gesellschaftlichen Fragen zu verbinden.
Die Äußerungen des Autors standen im Kontext der wechselvollen politischen Geschichte Europas seit 1984. Der Kontinent entwickelte sich von der Blockkonfrontation des Kalten Krieges zur Erweiterung der EU – von einst zwölf auf heute 27 Mitgliedstaaten. Meilensteine waren dabei die Einführung des Euro 2002, der Vertrag von Lissabon 2009 sowie jüngste Sicherheitsinitiativen wie SAFE und EDIP. Gleichzeitig verdeutlichte der Weg Großbritanniens – vom Rabatt 1984 bis zum Brexit – die anhaltenden Spannungen innerhalb des Bündnisses.
Barnes verwies zudem auf Europas sich wandelnde Beziehungen zu Nachbarregionen. Abkommen wie die DCFTA mit der Ukraine (2016) und Georgien (2014) spiegeln die Bemühungen wider, östliche Partner enger einzubinden. Doch sein Fokus blieb auf den Gefahren der Spaltung in einer Zeit erstarkenden Autoritarismus gerichtet.
Der Abend endete mit Barnes' dringendem Appell für europäische Solidarität. Sein letztes Buch, "Abschied(e)", trägt nun eine doppelte Bedeutung – als literarisches Werk und persönlicher Abschied. Die Eröffnungsveranstaltung hinterließ beim Publikum eine Mischung aus Bewunderung für sein Lebenswerk und Sorge angesichts der von ihm skizzierten Weltlage.






