"Und jetzt Hanau": Kiel gedenkt der Opfer des rassistischen Anschlags mit bewegender Lesung
George Benthin"Und jetzt Hanau": Kiel gedenkt der Opfer des rassistischen Anschlags mit bewegender Lesung
Eine eindringliche Lesung über den rassistischen Anschlag von Hanau 2020 wird am Kieler Theater aufgeführt. Unter dem Titel "Und jetzt Hanau" rekonstruiert die Inszenierung die Ereignisse unter der Regie von Tuğsal Moğul. Die Aufführung findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem Deutschland sich auf Landtagswahlen vorbereitet – und während weiterhin unbeantwortete Fragen zum Anschlag im Raum stehen.
Einer der Überlebenden, Ibrahim Akkus, starb Anfang dieses Jahres an den Folgen der bei dem Attentat erlittenen Verletzungen. Sein Tod am 10. Januar 2026 folgte auf sechs Jahre schweren Leidens, darunter Schussverletzungen, die ihn lähmten.
Die Lesung ist Teil einer größeren Initiative, um die Erinnerung an den Hanau-Anschlag wachzuhalten. Statt einer vollständigen Theaterproduktion entschied sich das Team aufgrund begrenzter Mittel und der unabhängigen Organisation für das Format einer szenischen Lesung. Das Projekt vereint mehrere Sparten des Kieler Theaters und spiegelt so ein gemeinsames Engagement wider, sich mit dem Fall auseinanderzusetzen.
Das dokumentarische Theater spielt dabei eine zentrale Rolle, indem es reale Fakten auf zugängliche Weise präsentiert. Das Format ermöglicht es dem Publikum, sich emotional mit den Ereignissen zu verbinden und die Folgen von Rassismus greifbarer zu machen. Theater, die zunehmend als politische Institutionen wahrgenommen werden, übernehmen vermehrt die Verantwortung, sich solchen Themen zu stellen.
Der Zeitpunkt der Lesung ist bewusst gewählt. Angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen wollen die Veranstalter auf die ungelösten Versäumnisse bei den Ermittlungen aufmerksam machen. Es gab Fehler, und entscheidende Fragen zum Anschlag harren weiterhin der Antwort. Erst kürzlich starb ein weiteres Opfer an den Spätfolgen seiner Verletzungen – ein weiterer Beleg für die anhaltende Gewaltwirkung.
Die Aufführung dient gleichermaßen als Mahnmal und als Appell für Aufklärung. Mit "Und jetzt Hanau" will das Kieler Theater sicherstellen, dass die Opfer nicht in Vergessenheit geraten. Die Lesung fordert zugleich eine tiefgreifendere Auseinandersetzung mit den systemischen Versäumnissen, die den Anschlag erst ermöglichten – und die Überlebende bis heute belasten.






