Bachmann-Preis 2024: Weibliche Jury und mutige Literatur polarisieren
Hans-Werner HövelBachmann-Preis 2024: Weibliche Jury und mutige Literatur polarisieren
Bachmann-Preis 2024: Eine rein weibliche Jury und mutige Literaturentscheidungen sorgen für Aufsehen
In diesem Jahr zog der Bachmann-Preis nicht nur wegen der ausschließlich aus Frauen bestehenden Jury, sondern auch durch kühne literarische Auswahl Aufmerksamkeit auf sich. Die Veranstaltung präsentierte ein breites Spektrum an Werken – von scharfer Gesellschaftskritik bis hin zu experimentellen Erzählformen. Während die Hitze die Lesungen begleitete, entfachten die anschließenden Debatten noch größere Leidenschaften.
Die siebenköpfige Frauenjury bewertete Texte, die sich mit gewichtigen Themen auseinandersetzten. Nora-Eugenie Gomringer, die unter ihrem Pseudonym Schaette schreibt, gewann sowohl den mit 30.000 Euro dotierten Hauptpreis als auch den Publikumspreis für Was wir tragen – eine ergreifende Auseinandersetzung mit den langfristigen Folgen von Diskriminierung aufgrund des Körpergewichts. Kinga Tóth erhielt den KELAG-Preis für ihre pointiert-witzige und vielschichtige Schilderung der alltäglichen Demütigungen einer „Ostblock-Mädchen“-Figur.
Andere Beiträge sorgten für Kontroversen. Slata Roschals Geschichte, die sich mit der Literaturszene statt mit wirtschaftlicher Not befasste, spaltete die Meinungen von Jury und Publikum. Nach ihrer Lesung verweigerte Roschal die Auseinandersetzung mit der Jury und kritisierte scharf den Umgang der etablierten Institutionen mit Autor:innen. Immer wieder kreisten die Diskussionen um finanzielle Themen – selbst in scheinbar nebensächlichen Details wie wiederkehrenden Flecken in den Texten sahen Jurorinnen Hinweise auf prekäre Lebensumstände.
Der ehemalige Juror Burkhard Spinnen hatte einst für eine kompromisslose Kunst plädiert und „frontale Opposition gegen alles“ gefordert. Diesmal lobte die Jury zwar die Originalität der meisten Beiträge, doch einige überzeugten nicht. Ein Verweis auf Ingeborg Bachmanns Hörspiel Der gute Gott von Manhattan – in dem Gott auf der Anklagebank sitzt – unterstrich den spielerisch-kritischen Ton der Veranstaltung.
Die Preise zeigen einmal mehr, wie Literatur gesellschaftliche Themen aufgreifen und verhandeln kann. Schaettes Doppelsieg und Tóths Auszeichnung betonen die Wertschätzung der Jury für mutige, nachhallende Erzählungen. Die Debatten offenbarten jedoch auch die Spannungen zwischen Tradition und Innovation in der Literaturszene.
