Zwei Minijobs gleichzeitig: Wie Deutschlands Mittelschicht um ihr Überleben kämpft
George BenthinZwei Minijobs gleichzeitig: Wie Deutschlands Mittelschicht um ihr Überleben kämpft
Zwei Minijobs gleichzeitig – für viele in der deutschen Mittelschicht längst Alltag
Dass man zwei Teilzeitstellen gleichzeitig ausübt, um über die Runden zu kommen, ist für viele in Deutschlands Mittelschicht zur Normalität geworden. Steigende Mieten, stagnierende Löhne und wirtschaftliche Unsicherheit zwingen Arbeitnehmer wie eine Berliner Redakteurin zu erschöpfenden Arbeitsplänen, nur um die Grundkosten zu decken. Im vergangenen Jahr hat sie zwei befristete Redaktionsjobs miteinander vereint – manchmal sogar noch mit freiberuflichen Aufträgen obendrauf –, nur um ihre Lebenshaltungskosten zu stemmen.
Der Trend zum Mehrfachjobben – also das gleichzeitige Jonglieren mit mehreren Tätigkeiten – hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Eine Umfrage des Instituts Academized aus dem Jahr 2025 ergab, dass mittlerweile jede zweite Person zwischen 26 und 41 Jahren mindestens einen Nebenjob ausübt. Allein die Anzahl der Teilzeitstellen ist seit 2020 um fast 69 Prozent gestiegen, wobei Großstädte den stärksten Anstieg verzeichnen. Für die Autorin dieses Textes reichte selbst eine einzige Teilzeitstelle nicht aus, um die Miete zu bezahlen – ein Vollzeitjob war finanziell schlicht unerschwinglich.
Die Mieten in Deutschland haben sich im letzten Jahrzehnt nahezu verdoppelt, in Berlin stiegen sie um 69 Prozent. Viele Vollzeitstellen zahlen mittlerweile so wenig, dass Arbeitnehmer kaum noch ihre Existenzkosten decken können, geschweige denn für die Rente vorsorgen. Die wirtschaftliche Unsicherheit hat zudem zu einer Seltenheit gemacht, was einst selbstverständlich war: Jobsecurity. Befristete Verträge und Entlassungen nehmen zu. Besonders betroffen sind junge Akademikerinnen – Anfang 2026 erreichte ihre Arbeitslosigkeit Rekordwerte, was den Druck weiter erhöhte.
Der Arbeitsalltag der Autorin erstreckt sich mittlerweile über 50 bis 60 Stunden pro Woche. Schlafmangel ist zur Konstante geworden, das Sozialleben beschränkt sich auf hastige Sprachnachrichten und spontane Treffen. Beide ihrer aktuellen Jobs sind befristet – ihre Zukunft bleibt ungewiss.
Für viele ist das Mehrfachjobben längst keine freiwillige Entscheidung mehr, sondern schiere Notwendigkeit. Angesichts explodierender Mieten und stagnierender Löhne müssen selbst gut ausgebildete Fachkräfte mehrere Tätigkeiten aneinandersetzen, um nicht abzurutschen. Der Trend spiegelt einen tieferliegenden Strukturwandel wider: Für einen wachsenden Teil der Mittelschicht bleibt finanzielle Stabilität in immer weitere Ferne.







